Christiane Schünemann | Autorin

NORDART.lesenswert – Das Zeitgeistmagazin

"Autorengespräch" in Heft 1|2017 (Gespräch: Martina Plothe):

Tiefgang aus der Seele gefischt

„Die Frau im Eismantel“:
Christiane Schünemann legt berührende Erzählung vor

Im Juni 2016 erschien Ihre Erzählung „Die Frau im Eismantel“ zunächst als eBook, seit Oktober ist sie als Taschenbuch zu haben. Ihre drei Haupt-Akteure allerdings hatten sich schon Jahre zuvor bei Ihnen eingefunden. Wie ging das vonstatten?

Das war ungefähr 2008; ich schrieb noch an meinem Sachbuch „Wie Schriftsteller in der Seele fischen“. Die drei Figuren traten eines Tages wie aus dem Nichts an meinen Schreibtisch, und ich verspürte den dringenden Wunsch, wieder Prosa zu schreiben. Die zündende Idee zu der Geschichte kam mir 2009 nach einem Zeitungsbericht über einen Mann, der wochenlang im Rostocker Stadtwald überwinterte und sich von niemandem helfen ließ. Er hat, wie ich später herausfand, überlebt. Sehr langsam formte sich dann meine Geschichte aus.

Im Mittelpunkt Ihrer Geschichte steht die feinsinnige Malerin Natalie. Zwischen ihr und dem rätselvollen Architekten Michael Maronde, der anfangs als Unbekannter im löchrigen Mantel seines Vaters im verschneiten Lindenpark ausharrt, spinnen Sie ihren Erzählfaden, den Sie mit einer Rückblende auf die Jugend von Natalies Mann – dem betuchten, grobgestrickten Zahnarzt Walther – aufnehmen. Haben Sie Handlung und Charaktere genau im Kopf, bevor Sie mit dem Schreiben beginnen?

Nein. Ich nähere mich meinen Texten und Figuren, indem ich zunächst um sie herum schreibe. Ich nutze Assoziationen: Natalie ist wie Seide, weich und glatt; sie mag nicht mit rauen Händen berührt werden. Walther Winter ist wie Metall, glänzend und kalt. Michael Maronde ist spröde wie Holz, ein natürlich gewachsener Stoff. Ich arbeite mit Düften – für die Figur des Maronde habe ich mir zum Beispiel eine Tabaksdose gekauft, für die des Walther einen Herrenduft. Mit der Tabaksdose habe ich experimentiert: Hält sich eine Handschrift auf Papier in der Dose, wenn sie wochenlang im Schnee liegt? Adressen, an denen meine Geschichte spielt, sehe ich mir vorher an, um sie möglichst realistisch zu beschreiben.

Deshalb wissen Rostock-Kenner beim Lesen genau, wo Ihre Akteure sich gerade aufhalten: im Lindenpark, am Brunnen der Lebensfreude, in der Blücherstraße… Weshalb erfinden Sie nicht einfach fiktive Orte und Adressen?

Wenn die Figuren schon fiktiv sind, sollen die Orte für mich annähernd real sein. Meine Geschichten sind zwar erfunden, aber sie sollen glaubhaft sein. Deshalb auch der Test mit dem Papier in der Tabaksdose. Für mich besteht die Kunst darin, Bilder, die ich im Kopf habe, so aufzuschreiben, dass auch der Leser diese Bilder im Kopf hat.

Sie haben einmal gesagt, das Schreiben sei immer autobiographisch, auch wenn die Geschichte nicht das eigene Leben spiegele. Wie viel von Ihnen steckt in Ihrer Natalie Winter?

Sie hat meine Arbeitsweise, malt ihre Bilder genau so, wie ich meine Geschichten schreibe. Für den Leser ist es eindrücklicher, über das Malen zu lesen als über das Schreiben… Der 2009 verstorbene Maler Falko Böttcher hat mir viel über die Malerei beigebracht. Ich habe ihn interviewt, um herauszufinden, wie Kreativität bei ihm funktioniert. Auch den anderen beiden Hauptfiguren habe ich etwas von mir mitgegeben, alle müssen sich zum Beispiel mit dem Thema Verlust und loslassen befassen.

Was ist das Spezielle an Ihrer Arbeitsweise?


Ich bin langsam und gründlich, arbeite jedes Mal sehr lange an meinen Texten. Jahrelang habe ich im Verborgenen geschrieben; während meiner Zeit als Regieassistentin am Rostocker Volkstheater in den 80er-Jahren verfasste ich erste Texte. Meinen Krimiversuch in den 90ern habe ich zu Ende gebracht, aber wieder zerstört. Damals dachte ich, als Schriftsteller müsse man wahnsinnig klug erscheinen und habe meine Texte ausschließlich mit dem Kopf geschrieben. Im Fernstudium eignete ich mir das Schreiben von Sach- und Fachliteratur und das belletristische und journalistische Schreiben an. Noch heute lese ich jedes Fachbuch über das Schreiben. Seit meiner Reiki-Ausbildung meditiere ich gern; inzwischen befrage ich mitunter über gezielte Übungen mein Unbewusstes nach meinen Figuren. Die Antworten darauf kommen oft zeitversetzt, dann, wenn ich sie am wenigsten erwarte. Das nenne ich das Fischen in der eigenen Seele.


Interview mit Carina Leberle von neobooks:

Schreibtipps von Christiane Schünemann

(am 7. Juli 2016 auf blog.neobooks.com)

Christiane Schünemann ist  freie Mitarbeiterin für die Zeitschrift „TextArt – Magazin für Kreatives Schreiben“ und hat im Juni ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie verrät euch heute, wie man seine Romanfiguren lebendiger wirken lassen kann und was es mit der sogenannten „Pomodoro-Technik“ auf sich hat. So viel verraten wir schon mal: eine sehr interessante Methode!

„Die Frau im Eismantel“ heißt dein neuester Roman auf neobooks. Das klingt sehr geheimnisvoll. Wie bist du auf diesen Titel gekommen?

Es gefällt mir, dass du den Titel „geheimnisvoll“ findest. Von Geheimnissen können wir nie genug kriegen! Nun, die Erzählung ist langsam gewachsen. 2009 traten die drei Hauptfiguren (eine Frau und zwei Männer) erstmals an meinen Schreibtisch. Im Laufe der Zeit hatte ich mehrere Arbeitstitel, zum Beispiel „Schneemond“, „Wolfsmond“ und „Wie die Nacht so blau“. Die Frau ist die Hauptfigur und der Eismantel bekommt am Ende eine Bedeutung. Darum fand ich „Die Frau im Eismantel“ am treffendsten.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Geschichten? Gibt es besondere Orte, an denen du am liebsten schreibst?

Alexandre Dumas brauchte immer einen „Haken“, an dem er seine Geschichte aufhängen konnte. Mein „Haken“ war ein Artikel aus der Ostsee-Zeitung vom Januar 2009 über einen obdachlosen Mann, der in jenem eisigen Winter im Rostocker Stadtwald gelebt und jegliche fremde Hilfe abgelehnt hatte. (Er hatte Geld im Schal gehabt, und er hat ohne Erfrierungen überlebt, wie ich später erfahren habe.)

Schreiben ist immer autobiografisch. Nur, dass die Erzählung nicht mein Leben spiegelt. Ich bin keine der drei Hauptfiguren, aber jeder habe ich etwas von mir gegeben.

Die besten Ideen kommen, wenn ich sie nicht erwarte. Ein Beispiel: Vor gut dreißig Jahren hatte mir meine damalige Freundin einen Satz anvertraut, den ihr Vater in Trance gesagt hatte, als er im Sterben lag. Den Satz hatte ich vergessen. Als ich an der "Eismantelfrau" gearbeitet habe, hat mir mein Unbewusstes den Satz wieder an das Ufer gespült. Er ist zu einem Schlüsselsatz geworden, ich war überrascht.

[Ein anderes Beispiel: In einer Nacht bin ich aufgewacht und hatte die Worte „ein Koffer voller Tränen“ im Ohr. Ich kann gar nicht sagen, ob ich die Worte gehört oder gedacht habe. Zwei Tage später, ich lag noch im Bett, habe ich über die Worte nachgedacht. Dann purzelten plötzlich die Ideen in meinen Kopf, was es mit dem Tränenkoffer auf sich hat. Ich musste sofort aufstehen und alle Ideen in mein Notizbuch schreiben. Beim Schreiben der Kurzgeschichte hat sich noch einiges verändert, aber das ist gut so. Nicht jede Idee taugt etwas. Manchmal bringt eine Idee nur eine bessere hervor. Ich arbeite immer lange an meinen Texten. Den kreativen Prozess erlebe ich oft in Schüben. Es ist fast so, als müsse eine Idee erst in den Text gewebt und noch dreimal gewaschen werden, bevor eine neue auftaucht.]

Besondere Orte? Leider gehöre ich nicht zu den Kaffeehausschreibern. Auch auf Reisen kann ich unmöglich schreiben. Alles Neue und Aufregende lenkt mich nur ab. So eine Zwangspause hat aber auch etwas Gutes: Man kann den Fundus wieder füllen und sich erholen. Schreiben ist ein schöpferischer, aber auch ein erschöpfender Prozess. Am liebsten schreibe ich in einem mir vertrauten stillen Raum.

Auf deiner Website erzählst du, wie wichtig und schwierig es ist, seinen Figuren Seele zu verleihen. Aber wie merkt man, dass man zu verkopft schreibt? Und was kann man tun, um seine Figuren lebendiger werden zu lassen?

Das Schreiben und die Figuren bekommen mehr Tiefe, wenn wir auch das Unbewusste nutzen. Das Unbewusste spielt uns die besten Ideen in den Momenten zu, in denen unser Bewusstsein gerade abgelenkt ist, sei es durch das Schreiben selbst oder durch Kritzeln oder durch einfache automatische Handlungen wie Autofahren oder Badputzen. Das Bewusstsein muss abgelenkt werden! Das ist die Zauberformel.

Ein entspannter Zustand ist immer hilfreich. Ich meditiere gern. Das ist nichts Großartiges, einfach nur ein stilles Sitzen und erwartungsloses (!) Nachinnenschauen. Es fehlt mir, wenn ich einige Tage lang nicht dazu komme. Oft hält mich Angst vom Schreibtisch fern, es ist die Angst zu versagen. Dann ist es gut, einfach nur zu schreiben und absichtslos und unbekümmert wie ein Kind mit den Worten und mit den Figuren zu spielen.

Du hast in den 80ern als Regieassistentin im Theater gearbeitet und dabei selbst auch schon auf der Bühne gestanden. Gab es eine Rolle, die dich besonders gereizt oder beeinflusst hat?

Das Theater hat mich immer magisch angezogen. Als ich sieben war, wollte ich Schauspielerin werden. Als ich 17 und im ersten Ausbildungsjahr war, habe ich an der Rostocker Schauspielschule vorgesprochen. Ich hatte zwei Dialoge aus der „Dreigroschenoper“ vorbereitet. Mit einem Herrenhut wollte ich Macheath sein und ohne Hut Polly. Aber dann stand ich stumm auf den Brettern herum und knetete meinen Hut, denn ich hatte meinen Text verloren. Der Direktor bat einen großen blonden Studenten, sich um mich zu kümmern. Der zog mich in den Flur, hob mich auf einen Tisch und tröstete mich: „Wir sind alle beim ersten Mal durchgefallen!“ Ich verliebte mich in ihn, ging wieder rein und lieferte mein Programm ab. Der Direktor empfahl mir, erst meine Ausbildung zu beenden, da sie niemanden ohne abgeschlossene Berufsausbildung aufnehmen würden, und dann noch einmal vorzusprechen. Dann sollte ich besser Monologe vorbereiten!

Irgendwann wollte ich nicht mehr Schauspielerin werden, darum habe ich auch nicht wieder vorgesprochen. Aber das Theater zog mich immer noch magisch an. Bevor es mit der Regieassistenz klappte, habe ich erst anderthalb Jahre Theaterkarten verkauft. Dann war ich wieder in der Schauspielschule gewesen: Mit Regisseuren, wenn sie Studenten für Inszenierungen suchten. Den großen blonden Studenten habe ich nie wieder gesehen, den Direktor schon. Bei einer weinseligen Premierenfeier habe ich ihm von meinem Auftritt mit Hut erzählt. Er meinte, sich daran erinnern zu können. Das habe ich ihm aber nicht geglaubt. Ehrlich!

Die paar kleinen Rollen, die ich am Theater gespielt habe, waren wirklich klein und unbedeutend. Es waren nur stumme Auftritte. Wahrscheinlich hätte ich wieder nur meinen Text verloren.

Und dann bin ich doch noch Schauspielerin geworden und werde es bleiben, bis mein letzter Vorhang fällt. Allerdings findet das Schauspiel mit meinen Figuren nur auf meiner inneren Bühne statt!

Interessant finde ich, wie sich mein erster Berufswunsch gewandelt hat und doch an den ursprünglichen Wunsch anknüpft.

Meine wichtigste Lektion am Theater aber war, dass es immer das Leichte ist, das so schwer zu machen ist! Und das ist beim Schreiben ebenso.

Du schreibst als freie Mitarbeiterin für die Zeitschrift TextArt – Magazin für kreatives Schreiben. Dabei lernt man sicher den ein oder anderen Trick, der das Leben als Autor leichter macht. Hast du noch einen Rat, den du unseren Autoren mit auf den Weg geben möchtest?

Wenn mich die Angst zu versagen lähmt, dann nutze ich gern die „Pomodoro-Technik“. Diese Zeitmanagement-Methode hat der Italiener Francesco Cirillo entwickelt. „Pomodoro“ heißt übersetzt „Tomate“. Cirillo benutzte eine Eieruhr, die die Form einer Tomate hatte. Weil sich seine Tomatenuhr bis 25 Minuten einstellen ließ, nahm er diese Zeit als Arbeitseinheit = eine „Tomate“. Nach einer „Tomate“ folgt eine Pause von fünf Minuten, nach vier „Tomaten“ eine Pause von 30 Minuten. Entscheidend für diese Technik ist, dass man sich eine „Tomate“ lang nur auf die Aufgabe konzentriert, die man sich vorgenommen hat und alle Ablenkungen ausblendet.

Da mich das Ticken einer Eieruhr nervös machen würde, habe ich mir einen digitalen Kurzzeitwecker gekauft. Meine „Tomate“ hat 30 Minuten, da ich mal gelesen habe, es gäbe zwei Ideenhöhepunkte: einmal um die 17. Minute herum und dann noch einmal um die 27. Nach ein oder zwei „Tomaten“ brauche ich den Wecker oft gar nicht mehr, da ich dann im Schreibmodus bin und die Angst mich nicht länger lähmt (schlechte Texte kann man ja löschen!). Aber ich habe festgestellt, dass es gut ist, wenn ich die Pausen einhalte. Dann fühle ich mich hinterher nicht so erschöpft.